Kleine Nasen, große Emotionen – auf Gefühlsreise mit Düften

Vor wenigen Tagen war ich Gast im Podcast Aromatherapie für die Ohren bei Eliane Zimmermann und Sabrina Herber (Folge 160).

Der Geruchssinn entwickelt sich bereits im Mutterleib und ist nach der Geburt der erste Orientierungssinn und zugleich ein zentrales Sicherheitssystem. Noch bevor ein Kind sehen oder verstehen kann, nimmt es über Gerüche wahr, was vertraut ist und wo es sich sicher fühlt. Der Geruchssinn wirkt dabei wie ein innerer Kompass: Er hilft uns zu entscheiden, ob wir bleiben oder Abstand nehmen möchten – ganz nach dem instinktiven Gefühl von „Hier riecht es gut, hier bin ich richtig“ oder eben „Das fühlt sich nicht stimmig an, ich gehe lieber“.

Kinder nehmen Gerüche differenzierter wahr als Erwachsene – und reagieren deutlich ehrlicher darauf. Ein Duft wird nicht analysiert, sondern unmittelbar gefühlt. Während bei uns Erwachsenen oft automatisch ein innerer Kommentar einsetzt – „Was ist das für ein Geruch? Ich kenne ihn von …“ – begegnen Kinder Düften unvoreingenommen. Für sie ist ein Duft nicht „Lavendel“, sondern „angenehm“, „komisch“, „macht ruhig“ oder „mag ich nicht“. Diese unmittelbare, ungefilterte Wahrnehmung verstärkt die emotionale Wirkung von Gerüchen erheblich.

Kinder sind im Hier und Jetzt unterwegs und fühlen intensiv.
Freude kann überschäumen, Wut explosiv werden, Traurigkeit plötzlich alles überlagern. Gefühle treten oft unvermittelt auf – groß, roh und ungefiltert. Worte fehlen dann manchmal noch, um das innere Erleben auszudrücken. Gefühle zu sortieren, zu benennen und sich selbst zu regulieren, ist ein Lernprozess, der Zeit braucht – und der selbst uns Erwachsenen gelegentlich schwerfällt.

Genau hier kann ein oft unterschätzter Sinn eine Brücke schlagen: der Geruchssinn.

Richtig eingesetzt sind ätherische Öle keine Beruhigungsmittel, sondern Einladungen zur Selbstwahrnehmung. Sie unterstützen Kinder dabei, ihre innere Welt zu erkunden – achtsam und im eigenen Tempo. Düfte können helfen, Stimmungen bewusster wahrzunehmen, Emotionen schneller zu regulieren und Gefühlen eine Form zu geben, auch wenn Worte noch fehlen.

Ein Duft kann vermitteln:
„Du bist sicher.“
Oder: „Jetzt darfst du loslassen.“

Meine Idee für die Projektarbeit setzt genau hier an: Düfte als emotionale Wegbegleiter zu nutzen. Sie können Kinder in Übergangssituationen unterstützen – beim Ankommen, Abschiednehmen oder Einschlafen – ebenso wie in Momenten von Überforderung, Reizüberflutung, innerer Unruhe, Nervosität, Traurigkeit, Rückzug, Wut oder Frustration. Sorgsam ausgewählt und achtsam eingesetzt, können Düfte zu kleinen Sicherheitsankern werden.

Wenn Kinder lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und selbstwirksam zu handeln, stärkt das ihre emotionale Kompetenz nachhaltig. Dabei darf spielerisch experimentiert werden: Ein selbstgemachtes Duftmemory, Duftknete, das Zuordnen von Düften zu Bildern, Farben oder Formen – der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. 

Die Rolle der Erwachsenen oder pädagogischen Fachkräfte besteht dabei darin, den Rahmen zu halten – nicht die Richtung vorzugeben. Es geht darum, zu beobachten statt zu bewerten, zu begleiten statt zu steuern und zu fragen statt zu erklären. Fragen wie „Was macht der Duft mit dir?“ oder „Wenn dieser Duft ein Zaubertrank wäre – was würde er bewirken?“ öffnen Räume für Selbstwahrnehmung. Und dabei gilt immer: Die Nase des Kindes entscheidet.

Zur Unterstützung können einfache Gefühlskarten oder selbst gemalte Bilder eingesetzt werden. Kinder brauchen keine Vielzahl an Bildern oder feine Differenzierungen. Gerade am Anfang reichen grobe Gefühlskategorien vollkommen aus, um Gefühle kennenzulernen, zu benennen und zu sortieren.

Ätherische Öle können Türen öffnen – leise, respektvoll und tief – und als Sprache der Gefühle dienen. Für Kinder, die noch keine Worte für ihr Inneres haben, sind Düfte oft der erste Schlüssel.

Kleine Nasen, große Emotionen – und eine Reise, die nach innen führt.

Meine Reise mit den Kindern einer Kindergartengruppe hat gezeigt, wie wirkungsvoll und wertvoll Düfte als Werkzeug in der emotionalen Begleitung sein können.

Also:
Wie riecht Mut?
Wonach duftet Freude?
Und kann ein Duft auch trösten? 

Findet es gemeinsam heraus.

Zum Abschluss möchte ich einen Satz teilen, der in einem Moment zu hören war und ohne große Worte zeigt, was Düfte im Inneren bewegen können:

„Das macht gerade etwas Schönes mit mir.“

Alles Liebe, Wiebke Rothkegel